
- Auf dem Podium kommen die drei Referenten Dr. Klaus W. Müller, Dr. Rolf Hille und Harry Wassmann (von links) ins Gespräch mit Prälat i.R. Paul Dieterich (stehend) und dem Publikum. Foto: Radunz
Herbsttagung 2009
Rudolf Bultmann - entmythologisiert
Die Herbsttagung des Evangelischen Bundes fand mit über 50 Teilnehmenden am 28. November 2009 im Haus Birkach statt. Im Jubiläumsjahr referierte Dr. Klaus W. Müller über Person und Theologie Rudolf Bultmanns. Dr. Rolf Hille und Harry Wassmann erwiderten den Vortrag durch eigene Standpunkte.
Lesen Sie hier den Bericht von Dr. Andreas Rössler:
Rudolf Bultmann (1884-1976), jahrzehntelang Professor für Neues Testament in Marburg, war nicht nur einer der umstrittensten, sondern auch einer der bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Darin waren sich bei der von über 50 Personen besuchten Herbsttagung des Evangelischen Bundes in Württemberg am 28. November 2009 im Haus Birkach in Stuttgart die drei Referenten einig: Pfarrer Dr. Klaus W. Müller, der frühere Direktor des württembergischen Pfarrseminars, Pfarrer Dr. Rolf Hille, Rektor am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, und Pfarrer Harry Wassmann aus Tübingen.
Die christliche Verkündigung soll denkenden Menschen helfen, „den Glauben aufgeklärt und wahrhaftig in ihr Leben integrieren zu können“. Das nannte Klaus W. Müller, der Vorsitzende des Evangelischen Bundes in Württemberg, in seinem Hauptvortrag eine „Antriebsfeder“ Bultmanns – auch bei seiner „Entmythologisierung“ des Neuen Testaments, die er zum ersten Mal 1941 in einem Vortrag in Alpirsbach deutlich formulierte.
Die biblischen Mythen haben nach Bultmann die Aufgabe, von einer Wirklichkeit jenseits des Irdischen, Sichtbaren zu reden. Der Mythos wolle auf diesseitige Weise „den jenseitigen Gott zur Sprache bringen, die Wirklichkeit Gottes, an der sich die Existenz des Menschen entscheidet“. Die Entmythologisierung führe bei Bultmann weiter zur „existenzialen Interpretation“ der biblischen Botschaft: von Gott zu reden, heiße immer zugleich, vom Menschen und seiner Existenz zu reden und umgekehrt, denn der Mensch „lebe und webe in Gott“. Bultmann hielt nichts von „Wundern“ im Sinn von übernatürlichen Eingriffen in das natürliche Geschehen. Doch war es für ihn ein „Wunder im eigentlichen Sinn“, dass Gott „trotz aller Rätsel von Welt und Schicksal, trotz aller Qual der Selbstverurteilung“ gnädig sei.
Bultmann war nach Müller von einer Zukunft mit Gott auch über den irdischen Tod hinaus überzeugt: „Die Zukünftigkeit endet nicht mit dem Tod. Es bleibt die Liebe Gottes. Aber Bultmann verzichtete auf Vorstellungen.“
Rolf Hille, ein Vertreter evangelikaler Theologie, nannte Bultmanns intellektuelle Redlichkeit „missionarisch“. Er stimmte auch grundsätzlich einer „existenziellen - vielleicht auch existenzialen - Interpretation“ der christlichen Botschaft zu, also ihrer Zuspitzung auf die menschliche Existenz, und hier zeige sich sogar eine Nähe Bultmanns zum Pietismus. Ferner hob er Bultmanns entschiedene Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und zu den „Deutschen Christen“ hervor. Doch sei die Glaubenssubstanz in Bultmanns Bibelauslegung zu dünn. „Wo bleibt der Realitätscharakter des Mythos?“ Die „Offenbarungsgeschichte“ brauche eine „Realitätsbasis“. Er zitierte aus Karl Heims Werk „Jesus der Weltvollender“ (1937): „Kein Endgericht, kein Endsieg Gottes über alle Widerstände? Dann gibt es auch keinen Gott!“ Hille plädierte für „eine zweite Naivität“, die „durch die Reflexion hindurchgegangen ist“.
Harry Wassmann umriss drei Epochen der württembergischen Auseinandersetzung mit Bultmann: Im Zweiten Weltkrieg wurde gefragt, was Christen angesichts des Todes glauben und hoffen können, wenn Ostern kein historisch feststellbares Ereignis sei. 1951-1952 sei es um Fragen der Bibelauslegung gegangen. Die einen wollten sich „ihre Bibel nicht nehmen lassen“, die anderen wollten die Bibel „zukunftsfähig“ machen. In dem „antiautoritären Diskurs“ 1968 wurde von den einen die Autorität der Bibel in Frage gestellt. Andere sagten dagegen: „Gläubige Pfarrer braucht man im Land“. Bultmanns Mahnung sei auch heute von Bedeutung, „Gott und sein Wort nicht als Objekt, sondern als Anrede“ zu verstehen. Ferner verändere uns das Bibelwort mit seiner Kritik an uns und mit seinem Ruf zur Entscheidung, und nicht etwa in Richtung einer „Wohlfühl-Botschaft“ nach dem Motto „Gott tut gut“. So etwas hätte Bultmann strikt abgelehnt.
Dr. Andreas Rössler


