EAKE 44|2007 Torre Pellice
Der EAKE 44|2007 tagte zum Thema "Sind Kirchen NGOs?" auf Einladung der italienischen Waldenserkirche in Torre Pellice.
Programm [
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Pressemitteilung [
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Sind Kirchen NGOs?
Evangelischer Arbeitskreis für Konfessionskunde in Europa berät in Italien Fragen der Kooperation nichtstaatlicher Organisationen mit den Kirchen
Kirche ist Teil des Dritten Sektors – und ist sich dessen gar nicht bewusst!“ An dieser These des Frankfurter Theologen Thomas Kreuzer entspann sich auf der 44. Arbeitstagung des Evangelischen Arbeitskreises für Konfessionskunde in Europa (EAKE) in Torre Pellice (Italien) die Diskussion um den Zusammenhang der Sektoren Staat-Wirtschaft-Gesellschaft und die Rolle der Kirchen darin.
Der EAKE tagte auf Einladung der Kirchenleitung der Waldenser-Kirche Italiens (Tavola Valdese) im piemontesischen Torre Pellice. Für die gastgebende Kirche begrüßte der emeritierte Professor der Waldenser-Fakultät in Rom, Paolo Ricca., die Delegierten aus 11 Ländern Europas mit einem Bibelwort aus dem Hebräerbrief: „Es grüßen euch die Brüder aus Italien.“ Die von ihren Kirchenleitungen delegierten Fachleute vertraten 16 Kirchen und sieben ökumenische Institutionen aus ganz Europa.
Der Leiter der Fundraising Akademie, Thomas Kreuzer (Frankfurt am Main) stellte in seinem Beitrag heraus, das der Dritte Sektor gemessen an volkswirtschaftlichen Kriterien ein absoluter Wachstumsmarkt sei – das gelte aber nicht mehr für die verfasste Kirche. Allerdings hätte sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit ihrem Positionspapier „Kirche der Freiheit“ wieder „an die Spitze der Reformbemühungen im gesamten Dritten Sektor gesetzt“. Dieser reflektierte Umgang mit der eigenen Situation wäre beispiellos und trotz aller notwendigen Kritik in Einzelpunkten zu unterstützen. Es gehe im Dritten Sektor, so der promovierte Theologe, allerdings mehr noch um die Entwicklung von „shared values“ der Gesellschaft: „Hier werden Reformprozesse angestoßen und betrieben, hier werden gemeinsame Werte bewahrt und entwickelt.“ Politische Parteien seien in diesem Vorgang eher retardierendes Moment als Reformmotor.
Annemarie Dupré, Gründerin des römischen „Servizio Refugiati e Migranti“, hob die Bedeutung der nichtstaatlichen Organisationen (Non-Governmental Organisations / NGO) für die organisierte Zivilgesellschaft gerade unter eindeutigen religiösen Majoritätsgesellschaften hervor. Gerade in einem Land wie Italien, das absolut vom Einfluss der römisch-katholischen Kirche dominiert ist, wäre die gesellschaftliche Äußerung aus den kleineren Interessensgruppen von elementarer Bedeutung. Damit erlangt der Dritte Sektor die Funktion der Demokratiekontrolle und der politischen Handlungsmacht. Gerade in Zeiten der Politikverdrossenheit entstünden hier aktive und – im besten Fall – vernetzte gesellschaftliche Potentiale, die zudem international und transkulturell wirkten: „Neben der vertikalen ökonomischen Globalisierung können NGOs eine horizontale Globalisierung abbilden.“
Deutliche Kritik übte die promovierte Juristin Annemarie Dupré an der zu starken Projektorientierung vieler Organisationen: Durch die kurzen Bindungszeiten der Mittel wäre es sehr schwierig, eine verantwortungsvolle Personalpolitik zu betreiben. Die Nachhaltigkeit von Projekten sei gefährdet, wenn sich die politischen Vorgaben aufgrund aktueller Trends und politischer Veränderungen stets eklatant änderten.
Der Wiener Kirchenrechtler und Ministerialrat im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Karl Schwarz, warnte vor einer Aufweichung des in vielen westlichen Ländern gegebenen juristischen Status der Kirchen: Hier liege eine Diskrepanz zwischen der soziologischen Bestimmung der Kirchen als NGO und der staatskirchenrechtlichen Ansicht. Der Theologische Studiensekretär der GEKE, Martin Friedrich (Wien), wies in seinem Votum auf die bleibende Aufgabe hin, eine theologische Selbstbestimmung zu wagen: „Sind Kirchen in dieser Diskussion als göttliche Einsetzung oder als empirische Gestalt zu betrachten?“ Der Direktor des Ökumenischen Rates der Kirchen in Polen, Andrzej Wojtowicz (Warschau), stellte klar, dass „eine Beschreibung der Kirchen als einfache nichtstaatliche Organisationen für das Sendungsbewusstsein der Kirchen nicht akzeptabel sein kann.“
Der Vizepräsident des Evangelischen Bundes in Deutschland, Propst Sigurd Rink (Wiesbaden) verwies auf die Verpflichtung der Kirchen, den ihnen zugewachsenen Einfluss auch wahrzunehmen: „Im biblischen Sinne müssen wir auch ‚Stadt auf dem Berge sein’.“ Auch der niederösterreichische Superintendent Paul Weiland betonte die Rolle der Kirche als ihrem Wesen nach sichtbare Größe: „Gerade in der Gemeindediakonie ist Kirche unverwechselbar und identifizierbar Kirche.“ Annemarie Dupré ergänzte für die Waldenser-Kirche Italiens: „In einer so starken Minoritätskirche ist man automatisch gezwungen, nach der Bergpredigt zu leben – und nicht einmal da funktioniert das richtig!“
In ihren Länderberichten legten die Delegierten die Situation des Dritten Sektors in ihren Heimatländern und –kirchen dar. Dabei wurde deutlich, wie groß die Schwierigkeiten in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas noch sind, sich gemeinsam mit anderen nichtstaatlichen Initiativen, Werken und Verbänden als gesellschaftlicher Faktor und sozialpolitisches Korrektiv zu verstehen. Ein besonderes konfessionskundliches Problem besteht in den Ländern mit starker katholischer Tradition und Prägung, in denen sich die katholische Kirche eben nicht als eine Organisation unter vielen versteht, sondern ihre Deutungs- und Machtposition auch auf Kosten anderer Kirchen und nichtstaatlicher Organisationen zu sichern sucht.
Nach 19 Jahren wechselte der Vorsitz des Evangelischen Arbeitskreises für Konfesionskunde in Europa (EAKE) vom niederösterreichischen Superintendenten Paul Weiland (St. Pölten) auf die niederländische Pfarrerin Aline Looman-Graaskamp. Ihr Stellvertreter ist der Theologische Studiensekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Professor Martin Friedrich (Wien). Das Sekretariat des EAKE verbleibt im Konfessionskundlichen Institut Bensheim. Siehe auch „Hintergrund“.
Die 45. Jahrestagung des EAKE wird auf Einladung von Generalbischof Milos Klatik von der Evangelischen Kirche A.B. im April 2008 in der Slowakei stattfinden.
Alexander Gemeinhardt
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Hintergrund
Der 1962 gegründete Evangelische Arbeitskreis für Konfessionskunde in Europa (EAKE) wird vom Evangelischen Bund in Deutschland und Österreich, dem Maatschappij van Welstand (Niederlande), dem Ökumenischen Studienzentrum Budapest und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE / Leuenberger Kirchengemeinschaft) getragen.
Vorsitzende ist die niederländische Pfarrerin Aline Looman-Graaskamp (Kl. Geldermalsen), ihr Vertreter der Theologische Studiensekretär der GEKE, Prof. Dr. Martin Friedrich (Wien). Sekretär des EAKE ist der Geschäftsführer des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, Alexander Gemeinhardt.
Alexander Gemeinhardt
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