Moraltheologie
Die Moraltheologie der römisch-katholischen Kirche ist ein eigenes Themenfeld, dem aus evangelischer Perspektive besondere Beachtung gebührt. In sozialethischen Fragen werden die unterschiedlichen theologischen Ansätze der Konfessionen besonders deutlich. Es geht also um die Analyse der kirchlichen Lehrentwicklung in ethischen Fragen und der pastoralen Praxis sowie Reflexion der konfessionellen Grundannahmen im Blick auf das Verhältnis von Schöpfung und Erlösung, Glauben und Vernunft, Kirche und Welt.
Referent
Dr. Walter Schöpsdau ist Pfarrer i.R. der Evangelischen Kirche der Pfalz und war von 1981-2005 Wissenschaftlicher Referent für Moral- und Pastoraltheologie am Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes in Bensheim. Seit 2006 betreut er dieses Arbeitsgebiet als ehrenamtlicher Beratender Mitarbeiter.
Persönliche Einschätzung des Themas
Dass die getrennten Kirchen heute in vielen ethischen Fragen gemeinsam sprechen können, scheint der alten These „Lehre trennt, Dienst eint“ recht zu geben. Die großen ethischen Herausforderungen der Gegenwart üben auf die Kirchen einen Zwang zu gemeinsamem Auftreten aus. Da sie ihre Antworten aber auf der Basis ihrer jeweiligen theologischen Tradition geben, sind Divergenzen in den Positionen evangelischer Ethik und katholischer Moraltheologie nicht auszuschließen. Manche dogmatischen Unterschiede gewinnen erst in der ethischen Praxis greifbares Profil. Differenzen etwa im Verständnis der Rechtfertigungslehre, die sich als Akzentuierungen im Licht eines Konsenses im Fundamentalen tolerieren lassen, führen zu unterschiedlichem Umgang der Kirchen mit ethischem Pluralismus, der ökumenisch als belastend empfunden werden kann. In der unterschiedlichen normativen Bewertung der naturalen Dimension der menschlichen Person spiegeln sich erkenntnistheoretische Entscheidungen, die auf das jeweilige Verständnis von Schöpfung und Erlösung verweisen und sich unter dem Problembegriff „Naturrecht“ auch auf das Selbstverständnis christlicher Ethik im Horizont des öffentlichen Vernunftgebrauchs auswirken. Da ethische Normen gemischte Urteile darstellen, in denen empirische Ermessensspielräume bestehen können, sind Abweichungen in Einzelfragen nicht auszuschließen, die quer durch die Konfessionen laufen können und einer gemeinsamen gesellschaftlichen Verantwortung der Kirchen entgegenstehen. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit und vieler Christinnen und Christen erlangen Differenzen in der Ethik oft geradezu das Gewicht von „ethischen Konfessionen“, während man im Zeichen der sog. Postmoderne die herkömmlichen dogmatischen Differenzen auf sich beruhen lassen kann. Der ökumenische Dialog im Bereich der Ethik erweist sich deshalb als genauso dringlich wie das Gespräch über die klassischen Lehrfragen, auch wenn er im Augenblick unter dem Druck bioethischer Fragestellungen schwieriger geworden ist.
Dr. Walter Schöpsdau
Publikationen
Die Arbeit von Walter Schöpsdau hat sich in zwei jüngeren Veröffentlichungen besonders niedergeschlagen:
Walter Schöpsdau: Wie der Glaube zum Tun kommt. Wege ethischer Argumentation im evangelisch-katholischen Dialog und in der Zusammenarbeit der Kirchen, Bensheimer Hefte 102, Göttingen 2004 (Vandenhoeck & Ruprecht), 176 Seiten, EUR 19,90
Walter Schöpsdau: Angenommenes Leben. Beiträge zu Ethik, Philosophie und Ökumene, Bensheimer Hefte 104, Göttingen 2005 (Vandenhoeck & Ruprecht), 304 Seiten, EUR 39,80



