Bibel als Problem und Perspektive
Die Bibel als Problem und Perspektive
Tagung der Catholica- und Ökumene-Referenten in Bensheim
Die Kanonbildung als ökumenisches Problem in Geschichte und Gegenwart
„Die Einsicht in die Geschichtlichkeit des Kanons führt nicht zur Irrelevanz des Kanons.“ Aus diesem Grund sieht der Göttinger Kirchenhistoriker Peter Gemeinhardt die Diskussion um die Entstehung und Zusammensetzung der in den verschiedenen Kirchen und Konfessionen gebräuchlichen Bibeln als ein durchaus aktuelles Thema an. Gemeinhardt erinnerte in einem Vortrag vor den Catholica- und Ökumene-Referenten der evangelischen Landes- und Freikirchen Anfang Mai in Bensheim an die identifikatorische Bedeutung des Kanons: „Ein Kanon ist ein Wegweiser mit normativem Anspruch, der Maßgebliches von Sekundärem, Grundlegendes von Epigonalem scheidet. Das bedeutet nicht, dass außer der ‚kanonischen’ Literatur nichts gelesen werden dürfte.“
Nicht nur die Zusammensetzung der biblischen Bücher an sich, auch die Entstehung der verschiedenen Gestalten des Kanons, ist konfessionell gebunden und spiegelt die jeweiligen Charakteristika der Kirchen wider: „Es ist evident, dass eine autoritative Instanz, die den Kanon definiert, d.h. die Grenzen durch eine andere Legitimationsinstanz als den Kanon selbst stabilisiert (z.B. durch ein primatiales Lehramt) dafür hilfreicher ist als ein Schriftprinzip, das letztlich auf sich allein gestellt ist, wenn sich unterschiedliche Eliten – lutherische, reformierte, freikirchliche oder evangelikale – auf den Kanon der Heiligen Schrift als Gottes Wort berufen.“ In den großen theologischen Dialogen der letzten Jahrzehnte, so der Kirchengeschichtler, standen dabei andere Themen im Vordergrund: „Die Frage nach dem Kanon hat in bilateralen ökumenischen Gesprächen nur partiell eine Rolle gespielt.“
Trotz der großen Bandbreite an Bibeln und ihren großen Unterschieden in Zusammenstellung und Sprache sieht Gemeinhardt aber vor allem Einendes: „Die Bibel, wie sie in den gegebenen Kanones vorliegt, ist nicht Gottes Wort – aber sie kann und wird es werden. Und es wäre wohl kein Schade, wenn uns dies je und je über die Grenzen hinaus führte, die einst für unsere und andere Konfessionen verbindlich gezogen worden sind.“
Bibel-Fundamentalismus auch in Deutschland
Der Konfessionskundler Erich Geldbach (Universität Bochum) warnte anlässlich der gleichen Tagung vor einem wachsenden Einfluss des protestantischen Fundamentalismus in Deutschland. Dessen Programm der „Bibliologie“ basiere auf den drei sogenannten Chicago-Erklärungen von 1978 bis 1986, in denen die völlige Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Bibel betont wird. Der Baptist kritisierte das dort vorherrschende Schriftverständnis, das die Naturgeschichte mit biblischer Urgeschichte gleichsetze und von einem dualistischen Weltbild ausgehend unhaltbare Lehren im Bereich des Frauenbildes, der Sexualethik und der Sicht des Staates Israel verbreite. Geldbach, der sich durch zahlreiche Publikationen zum Problem des Fundamentalismus in den USA und in Deutschland einen Namen gemacht hat, wies auch auf die Einfallstore fundamentalistischer Bibelauslegung in Deutschland hin. Durch entsprechende Lehrgrundlagen in den zur Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten gehörenden Seminaren wie der Freien Theologischen Hochschule Gießen stünden landeskirchliche Gemeinschaften wie Freikirchen vor großen Herausforderungen, wenn sie deren Absolventen anstellen.
Römische Bischofssynode zum Thema Bibel
In seinem Bericht über die im Oktober 2008 tagende römisch-katholische Bischofssynode zum Thema „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche" verwies der Catholica-Referent des Konfessionskundlichen Instituts auf den zentralen Charakter dieses Themas für den amtierenden Papst Benedikt XVI. Martin Bräuer berichtete über die Schwerpunkte der Synodendiskussion; die Frage der Inkulturation und die damit verbundene Problematik der legitimen Pluralität der Kirche. Weiterhin wurden Vorwürfe des Fundamentalismus diskutiert, vor allem von Bischöfen aus Lateinamerika und Afrika; dies zielte auf den dritten Schwerpunkt, die Frage der Auslegungsmethoden. In diese Diskussion habe sich der Papst entgegen bisher üblicher Praxis eingeschaltet und betont, dass die wissenschaftliche Exegese notwendig sei, aber der Ergänzung durch eine theologische Interpretation bedürfe. Dadurch, dass der Papst darum gebeten habe, seine Deutung in das Schlussdokument aufzunehmen, habe seine Intervention noch zusätzliche Brisanz gewonnen. Ein nachsynodales Schreiben des Papstes, welches in Jahresfrist gewöhnlich erstellt wird, steht noch aus.
50 Jahre Dialoge der EKD mit den orthodoxen Kirchen
In einer Bilanz von 50 Jahren Dialoge der EKD mit den orthodoxen Kirchen betonte der Ostkirchenreferent des Konfessionskundlichen Instituts, Reinhard Thöle, den Beitrag zur Identitätsgeschichte der EKD. Diese notwendigen kirchlichen Begegnungen, die, in historischen Kontexten entstanden seien, haben „eine überraschende theologische Nähe erbracht, die so auf Grund der Jahrhunderte langen kontroverstheologischen Problematik und Sprachlosigkeit nicht zu erwarten war“. Allerdings habe nicht alles, was theologisch schon gemeinsam festgestellt wurde, rasche kirchenpolitische Konsequenzen. Die Orthodoxen müssten nicht selten auf antiökumenische Stimmungslagen in ihren Kirchen Rücksicht nehmen und hätten „einen längeren Atem für die Dialoge als manche evangelische Kirchen, die von theologischen Ergebnissen rasche Anerkennung ihrer Kirchlichkeit erwarten würden“. Die Frage des unterschiedlichen Gottesdienstverständnisses sein theologisch und emotional zu wenig aufgearbeitet worden, so Thöle, der an den Universitäten Heidelberg und Bukarest lehrt. Vielleicht seien die Dialoge deshalb so unbequem, „weil sie die Beteiligten theologisch gegenseitig mehr herausfordern würden als es kirchenpolitisch gewünscht sei.“
Alexander F. Gemeinhardt
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Hinweis zur Publikation: Der Beitrag von Prof. Dr. Peter Gemeinhardt erscheint im Jahrgang 60 (2009) des
Materialdienstes des Konfessionskundlichen Instituts als Hauptaufsatz.
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