Krieg und Frieden
Krieg und Frieden
Zur Neuorientierung evangelischer Friedensethik im 21. Jahrhundert
Symposium des Evangelischen Bundes im Römerkastell Saalburg
Wie können Christen der Freund-Feind-Logik widerstehen? Diese zentrale Frage stellte Gabriele Scherle in ihrer Bibelarbeit zum Auftakt des Symposiums „Krieg und Frieden“ des Evangelischen Bundes auf der Saalburg. Rund 80 Teilnehmende diskutierten am historischen Ort die „Neuorientierung evangelischer Friedensethik im 21. Jahrhundert“. Im Anschluss an Hannah Arendt formulierte Scherle „Vergebung als Möglichkeit der Politik“ als zentralen Beitrag zur Neuorientierung evangelischer Friedensethik. Die durch Jesus Christus geübte Praxis der Vergebung ist allerdings nur aus dem apokalyptischen Weltbild dieser Zeit im besetzten Heiligen Land zu verstehen. Jesus gesteht weder der Gewaltherrschaft noch dem Terrorismus den Status einer Perspektive zu; sein Handeln offenbart Machtverhältnisse, in dem es Situationen und handelnde Personen offen benennt und einordnet. In diesem Sinne müssen, so die Frankfurter Pröpstin, auch heute Verhältnisse demaskierend beim Namen benannt werden: „Opfer müssen Opfer genannt werden, Folter muss Folter heißen und Kriege sind keine humanitären Aktionen:“ Der Blick in die Bibel offenbare die bedrückende Situation der jungen Christenheit: „Das ‚Tier aus dem Abgrund’ der Apokalypse beschreibt die waffenstarrende römische Kampfmaschine – und lässt keinen Raum für einen verklärenden Blick auf die ‚Pax Romana’“.
Der Kölner Althistoriker Werner Eck verwies in seinem historischen Hauptreferat an die großen Integrationsleistungen des römischen Vielvölkerstaates, die wesentlich zur Stabilisierung und Befriedung des Riesenreiches beigetragen hätten: „Das römische Reich durch Waffen zu schützen und zu vergrößern, war eine primäre Tugend der römischen Kaiser.“ Mit Blick auf die Saalburg erinnerte er an die teilweise Jahrhunderte langen Phasen des Friedens in Teilen des Imperium Romanum. „Der Preis der ‚Pax Romana’ war allerdings für Viele der Verlust der persönlichen Freiheit“, eine Alternative, die heute immer noch aktuell ist.
„Wenn Du den Frieden willst, bereite den Frieden vor“, variierte der Berner Sozialethiker Wolfgang Lienemann das bekannte Wort und betonte den „Frieden als Ernstfall“. Im Blick auf Probleme in der Anwendung des Völkerrechts verwies er auf die Option der Schaffung eines „Weltbinnenrechts“: „Unter der Voraussetzung, dass Menschen zu Konflikten und Konfliktbearbeitungen fähig und oft auch willens sind, ist eine globale Rechtsordnung der entscheidende Schritt zum Frieden, um Rechtsbrüche abzuwenden und verletztes Recht wieder herzustellen.“
Der Militärbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Dutzmann, schloss in seinem Vortrag die Begriffe von Recht, Gerechtigkeit und sozialer Ordnung ausdrücklich in einen umfassenden Friedensbegriff mit ein. Ziel einer friedlichen Welt sei nicht die Abwesenheit bewaffneter Konflikte, sondern „die gerechte Teilhabe an den Gütern dieser Welt“. Deshalb gehörten interkulturelle Kompetenz und die Wahrnehmung der Differenz von Selbst- und Fremdbildern zur Grundlegung eines Militärs der heutigen Zeit. Soldaten seien nach deutschem Recht eben verfassungs- und völkerrechtsgebundene, „gewissensgeleitete Akteure.“
„Wir sind auch verantwortlich für das, was wir zulassen und nicht verhindert haben“, führte Dieter Weigold in die konkreten Entscheidungsfragen in Kampfeinsätzen der Bundeswehr ein. Der Oberst im Generalstab beklagte die mangelhafte Unterstützung für den zivilen Aufbau Afghanistans. Oft müsse das Militär zivile Aufgaben übernehmen, weil die Politik nicht genügend zivile Mittel zur Verfügung stelle. Der Chef des Stabes des Wehrbereichs II in Mainz plädierte für eine „Weltinnenpolitik“ im Sinne Willy Brandts; Globalisierung sei längst der Normalfall in der Verteidigungspolitik. Damit sei die Zeit partikularer Friedensethiken vorbei.
Das Symposium des Evangelischen Bundes Hessen und Nassau behandelt jährlich ein aktuelles Thema an einem besonderen Ort. In den vergangenen Jahren wurde beispielsweise in der European Space Agency in Darmstadt gefragt „Wo wohnt Gott?“, im ZDF-Sendezentrum Mainz unter dem Titel „Herr, sende mich!“ die Medienpräsenz der evangelischen Kirche bedacht oder auf dem Fraport in Frankfurt gefordert: „€uropa eine Seele geben“.
Alexander F. Gemeinhardt
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