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01. März 2010
 

Flucht und Segen

Bild: shutterstock.com

Flucht und Segen
Migration als kulturstiftendes Moment des Protestantismus

Mit einem Plädoyer für eine deutsche Sprachinnenpolitik eröffnete Staatssekretär a.D. Joachim-Felix Leonhard die zehnte Gemeinsame Studientagung des Evangelischen Bunde in Hessen und Österreich Ende Februar in Hofgeismar: „Sprachenvielfalt ist eine kreative Ressource, die kreativ genutzt werden will.“ Der ehemalige Generalsekretär der Goethe-Institute stellte die deutsche Sprache als Einwanderungssprache vor. Er betonte den Wert der Sprache als Ort der Beheimatung für Deutsche im Ausland – und wies auf Konsequenzen für die Integration von Menschen fremder Sprache und Herkunft auch in Deutschland hin.

Die Tagung unter dem Thema „Flucht und Segen“ führte fast fünfzig Interessierte und Fachleute in die Akademie der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Hofgeismar. Der Göttinger Kirchenhistoriker Peter Gemeinhardt präzisierte den Tagungstitel im Blick auf die aktuellen politischen Fragen mit den Worten: „Es geht bei Flucht nicht nur um Vertreibung, sondern auch um das Ankommen.“

Aus österreichischer Sicht zeigte der Wiener Kirchenhistoriker und Militärpfarrer Karl-Reinhart Trauner, wie prägend die Migration für die Evangelische Kirche in Österreich gewesen sei. So hätten die protestantischen Migranten in Österreich immer unter einem doppelten Makel gelitten: „Sie waren Fremde in Herkunft und Bekenntnis.“ Die Folge sei ein Assimilierungsdruck auf der einen, ein ausgeprägtes elitäres Bewusstsein auf der anderen Seite.

Migration ist nach der Italienerin Annemarie Dupré kein Phänomen einzelner Menschen unserer Tage, sondern betrifft mindestens mittelbar fast jede Familie in Mitteleuropa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Migrationsbewegungen unserer Zeit sind dabei, so die promovierte Juristin, nicht als einseitiger Prozess zu verstehen. Im Gegenteil ist die Hilfe für Migranten vielfach eine Form des Lastenausgleichs für Probleme, die von den aufnehmenden Ländern ursächlich mitverursacht wurden. Die Gründerin des italienischen Servizio Refugiati e Migranti erinnerte an die Wurzeln ihrer eigenen Waldenserkirche mit der Einsicht: „Migration ist ein Weg, den Gott mit uns geht.“ Theologisch geht es für Kirchen und Gemeinden dabei nicht primär um Diakonie oder Mission, sondern um Ekklesiologie: „Migranten sind nicht Gäste einer einheimischen Kirche und es reicht nicht, ihnen ein bisschen Platz oder Zeit in der Kirche zu bieten; sie sind gleichwertige Glieder unserer Gemeinden.“ Das Projekt „Essere Chiesa Insieme“ in Italien reagiert auf diese Entwicklung. „Wir haben in Italien gebetet, dass unsere Kirche wachsen möge. Mit den Migranten hat uns Gott eine unerwartete Antwort gegeben. Viele würden dieses Geschenk gerne wieder zurückgeben. Unser Auftrag ist, gemeinsam Kirche zu sein.“

Veränderungsprozesse werden in der Bibel oft mit Bewegung, Reise und Migration in Verbindung gebracht. Das verdeutlichte Christian Schwindt in seinem theologischen Hauptvortrag. Gerade die oszillierende Mobilität der Christen, so der Theologe, sei kulturstiftend. Fremde Gemeinden sind per se immer Diaspora-Gemeinden. Damit haben sie einen besonderen Auftrag zur Kultur- und Identitätsbewahrung ihrer Mitglieder. Weil aber die gewachsenen und ausdifferenzierten kirchlichen Strukturen in Deutschland nicht spontan flexibel reagieren, seien sie für Migrantengemeinden eher hemmend:„Der bestehende Konfessionalismus ist exklusionsfördernd.“ Die evangelischen Kirchen in Deutschland, so Schwindt, sind herausgefordert, eine Einwanderungskultur zu leben. Das sollte die Debatte um Werte und den kulturellen Bestand befördern, denn „der Kanon ist verhandelbar“.

Die Beiträge der Tagung werden im Herbst 2010 unter dem Titel „Flucht und Segen. Migration als kulturstiftendes Moment des Protestantismus“ von Alexander Gemeinhardt und Karl-Reinhart Trauner in der österreichischen Zeitschrift „Standpunkt“ veröffentlicht. Die Tagungsbände der vergangenen Jahre sind [hier] erhältlich.

Pressemitteilung als [pdf]

 

 

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