Springen Sie direkt: zum Hauptmenü |  zum Untermenü |  zum Inhalt |  zum Servicemenü |  zu Zusatzinformationen / Zusatzfunktionen

Navigation


25. Juni 2010
 

Kirche in den Medien 2010. Ein Fall von Missbrauch?

Wolfgang Weissgerber, Chefredakteur der Evangelischen Sonntagszeitung: "Ein Missbrauch der Kirche durch die Medien findet nicht statt"

Kirche in den Medien 2010. Ein Fall von Missbrauch?
Vortrag von Wolfgang Weissgerber beim Johannisempfang des Evangelischen Bundes, Bensheim, 24. Juni 2010 - in Auszügen dokumentiert:

"Neben den Ausrufern auf den Markplätzen wurden Informationen vor allem durch kunstvoll abgemalte Bücher aus den Schreibstuben der Mönche weitergegeben. Kirche hatte das Bildungsmonopol. Für das gemeine Volk war der sonntägliche Kirchgang zugleich eine Informationsbörse. Die Revolution des Buchdrucks verbreitete zunächst die Bibel, doch sie leitete anschließend eine bis heute anhaltende Serie des Bedeutungsverlusts von Kirche ein.

Dieser Verlust schmerzt. Die Reflexe, mit denen Kirche darauf reagiert, sind zunächst völlig normal. Immer sind die Medien daran schuld, wenn jemand in der Öffentlichkeit nicht so dasteht, wie er sich selbst gerne sähe. Mehr noch klagen Pfarrer oder Bischöfe aber zumeist, dass nicht etwa falsch, sondern gar nicht berichtet werde.

An jedem Wochenende gehen mehr Menschen zum Gottesdienst als in ein Stadion. Doch was senden Radio und Fernsehen stundenlang, wovon sind am Montag die Zeitungen voll? Fußball, Fußball, Fußball. Aus gutem Grund: Das Spannende beim Fußball ist der ungewisse Ausgang eines Spiels. Es gibt Tabellen und Pokale, Abstiegskämpfe und Meisterfeiern. Der Inhalt von Gottesdiensten ist dagegen bekannt. So engagiert sie auch gestaltet sein mögen – ihr Nachrichtenwert ist begrenzt, es gibt kein Ergebnis, dem es entgegenzufiebern gälte.

Seit Monaten sind die Medien gleichwohl voll von kirchlichen Themen. Nicht von solchen allerdings, die der Kirche sonderlich genehm wären. Auch das hat zunächst erst einmal die alten Reflexe ausgelöst: Sensationsjournalismus sei das, gar eine Verschwörung gegen die Kirche. Zwar nutzten in der Tat einige Medien die Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Priester gern als Vorlage für bissige Kommentare. Da hat mancher die willkommene Gelegenheit ergriffen, alte Ressentiments auf- und abzuarbeiten. Doch Walter Mixa ist nicht das Opfer einer Pressekampagne geworden, sondern seiner Großmannssucht und seiner Halsstarrigkeit, seines Hangs zur Prügelstrafe, wohl auch seiner Abhängigkeit vom Alkohol. Auf evangelischer Seite musste Margot Käßmann wegen ihres Rücktritts und dessen Auslöser auch Häme ertragen. Dass sich in der öffentlichen Meinung und in der Bevölkerung trotz ihres Fehltritts große Sympathie für Bischöfin Käßmann regte, hat die Berichterstattung in BILD nachgerade warmherzig und zartfühlend gemacht. Richtig üble Häme – das Frauenpriestertum sei eben kein Spaziergang – konnte man dagegen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung finden. Der Schlagzeile einer Berliner Boulevardzeitung „Lalleluja, Frau Bischöfin“ konnte Frau Käßmann wohl sogar selbst etwas abgewinnen. Das waren jedoch Ausnahmen unter vielen eher verständnisvollen und angesichts ihres Rücktritts auch von großem Respekt getragenen Darstellungen.

Inzwischen scheint sich bis in die letzte Sakristei herumgesprochen zu haben, dass die Überbringer schlechter Nachrichten nicht deren Urheber sind. Medien, die Verfehlungen von Kirchenleuten (oder Politikern, Bankern, Sportlern, Filmstars, Schlagersternchen) publik machen, haben zwar wirtschaftliche Interessen, zugleich aber eine öffentliche Funktion: Transparenz und Kontrolle. Ohne sie gäbe es keine demokratische Gesellschaft.

Seien Sie versichert: Es gibt für Medien lohnendere Themen als ausgerechnet die Kirche, um Auflagen und Quoten zu steigern. Als Beleg für ein gestörtes Verhältnis von Kirche und Medien taugen die jüngsten Ereignisse also nicht. Dass es gleichwohl verbesserungsbedürftig ist, hat andere Ursachen. Ihre Deutungshoheit in der Öffentlichkeit hat die Kirche, wie eingangs erwähnt, seit der Aufklärung Zug um Zug verloren. Die Glaubenstradition der Familie weist immer Lücken und Brüche auf. Diese Entkirchlichung der Gesellschaft macht vor den Medien nicht Halt. Sportredakteure sind meist auch Sport-Fans, selbst wer als Journalist vom Politikbetrieb angewidert ist, befürwortet doch die Demokratie und eine plurale Gesellschaft. Wirtschaftsredakteure kennen die Ökonomie und Feuilletonisten sind kulturell interessiert. Doch immer weniger Redaktionen haben noch Fachleute für Fragen von Glaube und Religion. Für die kritische Distanz zum Objekt der Berichterstattung mag dies nützlich sein, für dessen fachliche Durchdringung ist es das sicher nicht. Kirche findet vor allem im Lokalteil statt, wo sie noch Ereignisse inszenieren kann, an denen keine Redaktion vorbeikommt. Sie erscheint dann eben aber auch nur noch als ein Akteur auf der lokalen Ebene. Damit wird rund um den Kirchturm eben auch nur noch die Kirchturmpolitik wahrgenommen, selbst wenn da die Globalisierung, die Bewahrung der Schöpfung und ähnliches natürlich ebenfalls thematisiert werden. Bei diesen großen Themen ist die Stimme der Kirche aber, wie erwähnt, nur noch eine unter vielen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein Missbrauch der Kirche durch die Medien findet nicht statt. Die Wahrnehmung von Kirche in der Öffentlichkeit ist keine Frage des guten oder bösen Willens der Medien. Wie die Kirche in den Medien dargestellt wird, oder dass sie nicht ausreichend berücksichtigt werden, hat offenbar auch keine unmittelbaren, für die Kirche nachteiligen Folgen. Zum Schluss nur noch eine kleine Bemerkung: Man hätte das Thema Missbrauch, Kirche, Medien natürlich auch andersherum beleuchten können – ob denn möglicherweise die Kirche die Medien missbraucht. Ganz ehrlich: Dieser Gedanke ist mir überhaupt nicht gekommen."

Wolfgang Weissgerber
Chefredakteuer der 
Evangelischen Sonntags-Zeitung

 

 

Zusatzinformationen / Zusatzfunktionen: