Korrosion des Glaubens ist ein Drama
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Dieser Vers aus dem Matthäus-Evangelium (Mt 18,20) ist nach Joachim Reinelt die wesentlichste und zutreffendste Beschreibung von Kirche. Das bezog der römisch-katholische Bischof von Dresden-Meißen ausdrücklich auch auf die ökumenische Gemeinschaft mit der evangelischen Kirche. Diese habe er jüngst in der Begegnung mit evangelischen Amtsträgern deutlich erfahren. „Wissen Sie, warum das so bewegend ist? Sie wissen dann gar nicht mehr, wieso sie eigentlich getrennt sind.“ In einer Bibelarbeit auf der Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Leipzig nahm er auch Stellung zur Situation der Christen in Mitteldeutschland.
Der in Schlesien geborene Theologe erinnerte am Tag der deutschen Einheit an die Ereignisse in Sachsen vor zwanzig Jahren. „Dass an den entscheidenden Momenten der richtige Zettel verlesen wurde, das kann, so sagten wir uns, nicht nur Zufall gewesen sein.“ Gerade deshalb sei es wichtig, im Sinne des Tagungsthemas „Missionsland Deutschland“ an die Verantwortung der Kirchen für die Menschen in einer sich säkularisierenden Umgebung zu erinnern. „Es ist ein Drama, wie Deutschland und Europa in Fragen des christlichen Glaubens korrodiert.“ Gerade im Rückblick auf die ehemalige DDR ist die christliche Lebensperspektive ein höchst konkretes Angebot an die Menschen. Missionarische Veränderung geschieht dabei, so der frühere Caritas-Direktor, durch die persönliche Begegnung. Diese Einsicht aus der eigenen pastoralen Praxis gipfelt in der Anfrage an die eigene Empfänglichkeit für das Wort Gottes, denn „wann berührt uns das Wort Gottes noch so, dass es uns zu Tränen rührt?“ Dafür kann Kirche zwar eine religiöse Infrastruktur bereitstellen, schaffen kann sie Glauben nicht. Im Gegenteil: „Kirche, die nur durch Strukturen zusammengehalten wird, wird nicht halten.“
In ihrer Predigt zum Abschluss der 101. Generalversammlung nahm die Präsidentin des Evangelischen Bundes am Sonntag (04.10.09) Bezug auf den Bericht über die Bekehrung des Kämmerers (Apostelgeschichte 8). Gury Schneider-Ludorff beschrieb darin diese Bekehrung als einen „Bildungsprozess auf Reisen“. Man könne lernen, „dass sich die Hinwendung zum Glauben nicht auf den kirchlichen Raum selbst beschränken lässt, nicht an religiös definierten Orten geschieht, sondern dort stattfindet, wo der Mensch gerade steht.“ Dabei ginge es eben nicht, so die Universitätsprofessorin der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, um eine Wissensvermittlung im engen Sinn: „Unsere evangelische Überzeugung ist es doch, dass Glaube und Bildung sich nicht in Faktenwissen erschöpft, sondern dass es vor allem um die Herausbildung einer Persönlichkeit geht.“
Das Ende dieser elementaren biblischen Erzählung ist für Schneider-Ludorff auch Kriterium evangelischen Kircheseins: „Er zog seiner Straße fröhlich“. Die Bilanz dieser Bekehrungsgeschichte möchte die Präsidentin damit auch als Essenz der Generalversammlung zum Thema „Missionsland Deutschland“ gelten lassen. Damit verbunden ist die Einladung zur 102. Generalversammlung des Evangelischen Bundes vom 7. bis 10. Oktober 2009 in Berlin-Wannsee: „Evangelische Freiheit. Erbe und Auftrag der Liberalen Theologie im 21. Jahrhundert“.
Die 101. Generalversammlung des Evangelischen Bundes findet vom 1. bis 4. Oktober 2009 in Leipzig statt. Mehr als 150 Teilnehmende aus dem gesamten Gebiet der Evangelischen Kirche in Deutschland gehen in Bibelarbeiten, Vorträgen und Arbeitsgruppen dem Thema „Missionsland Deutschland“ nach.

