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13. Juli 2010
 

Zur Gemeinschaft berufen

Aus Reformiertem Weltbund und Reformiertem Ökumenischen Rat wurde die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Jörg Schmidt, Generalsekretär des Reformierten Bundes in Deutschland, würdigt diese Entwicklung in seinem Leitartikel im Materialdienst 4|2010.

Am Ende klang die Pressenotiz vom 18. Juni 2010 eher prosaisch, die den Zusammenschluss von Reformiertem Weltbund (RWB) und Reformiertem Ökumenischen Rat (RÖR) zur neuen Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) meldete: „Die Vereinigung des Reformierten Weltbundes und des Reformierten Ökumenischen Rates ist ein Fakt“, hieß es da. An jenem Tag hatten die beiden Generalversammlungen von RWBund RÖR in Grand Rapids (USA) ihre Auflösung zugunsten der WGRK beschlossen, der neuen reformierten Weltorganisation mit etwa 80 Millionen Mitgliedern in 230 Kirchen aus 108 Ländern weltweit. Diese Beschlüsse waren Voraussetzung und Auftakt zugleich für die erste Generalversammlung dieses neuen ökumenischen Weltverbandes, für die so genannte Vereinigende Generalversammlung, die vom 18. bis zum 28. Juni in Grand Rapids stattgefunden hat.

In den Monaten vorher hatte es noch viel euphorischer geklungen.„Es war der Heilige Geist, der diese Bewegung auf den Weg gebracht hat“, hatte der vormalige Präsident des RWB, Clifton Kirkpatrick, schon 2006 formuliert, als bei einem der ersten Treffen zwischen Verantwortlichen aus RWB und RÖR die Signale auf Grün für eine Vereinigung standen. Und auch der Generalsekretär Ökumenischen Rates der Kirchen, Olav FykseTveit, bezeichnete den Zusammenschlussin seinem Grußwort vor der Vereinigungsversammlung als „historisches Ereignis für die reformierte Kirchenfamilie und für die Kirche Christi in der ganzen Welt“. Und weiter: „Es handelt sich um einen neuen Ausdruck der sichtbaren Einheit der Kirche Gottes, und als solchen sowohl um eine Gabe Gottes als auch um ein Zeichen der Hoffnung“.

Die im Bereich der Ökumene nicht selten anzutreffende, tendenziell eher emphatischeBestärkungs-Spracheeinmal beiseite gelassen, gibt es durchaus den ein oder anderen Grund, über diese Entwicklung zu staunen – und letztlich auch sich zu freuen.

Denn nicht zufällig gilt die reformierte Weltfamilie als trennungsaffin, neigt sie doch eher zum Kongregationalismus. Zwar heißt es „Jede Gemeinde ist ganz Kirche, aber keine Gemeinde ist die ganze Kirche“; aber der zweite Satzteil steht eher zurück zugunsten des ersten. Und unter den gegenwärtigen volkskirchlichen Bedingungen, die von Finanz- und anderen Drücken geprägt sind, bleibt der Blick „jeder Kirche“ dann eher bei sich, als dass er sich in die weltweite Nachbarschaft wendet. Mag das heute auch für Gemeinden anderer Konfessionsfamilien gelten, so ist es für die Reformierten bezeichnend, dass übergeordnete Organisationsformen eher schwach ausgebildet sind. Und sie werden, wie etwa am ehemaligen RWB gut zu studieren war, auch schwach finanziert. Beim RWB in Genf haben zuletzt acht (in Zahlen: 8!) Hauptamtliche gearbeitet, während etwa der Lutherische Weltbund ein Vielfaches an Mitarbeitenden zählt.

Dazu kommt: Der Zusammenschluss von RWB und RÖR vereint ziemlich unterschiedliche ökumenische „bodies“. Der mit deutlich über 70 Millionen Mitgliedern größere Reformierte Weltbund ist im Jahr 1970 aus dem Zusammenschluss zweier ursprünglich selbständiger (der presbyterianischen und der kongregationalistischen) Gemeinschaften hervor gegangen. Seine Wurzeln reichen zurück bis auf das Jahr 1875. Schon eine der beiden Vorgängerorganisationen, der Presbyterianische Bund, hatte seine Geschäftsstelle 1948 nach Genf verlegt; dort hatte auch der RWB sein Büro.

Spätestens seit 1992, als die 21. Generalversammlung in Ottawa, Kanada, die Apartheid in Südafrika zur Sünde und ihre theologische Rechtfertigung zur Häresie erklärte, steht der RWB für den Einsatz für weltweite Gerechtigkeit.1997rief die 23. Generalversammlung in Debrecen, Ungarn, alle Mitgliedskirchen „auf allen Ebenen zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens (processusconfessionis) bezüglich wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung auf“. Und 2004 schließlich verabschiedete die 24. Generalversammlung in Accra (Ghana) die so genannte „Accra-Erklärung“, die sich kritisch mit den Folgen der Globalisierung auseinander setzt.

Der Reformierte Ökumenische Rat, zu dem zuletzt etwa 12 Millionen Mitglieder in 40 Kirchen gehörten, ist erst 1946 in einer Vorläuferorganisation, der „ReformedEcumenicalSynod“ entstanden. Drei Kirchen aus den Niederlanden aus Südafrika und aus den USA bildeten den Kern eines Weltbundes, der 1949, bei der ersten Generalversammlung, mehr als 20 Mitgliedskirchen hatte. Im Wesentlichen sammelten sich hier tendenziell konservative reformierte Kirchen. Vor allem in der Stellung zur Apartheid, zur Einschätzung der Homosexualität und der Frauenordination wurde das in den folgenden Jahren deutlich, führte allerdings auch immer wieder zu scharfen Auseinandersetzungen und Ein- und Austritten. Seit 1988 heißt dieser Weltbund „Reformierter Ökumenischer Rat“, der 1992 nach heftigen Auseinandersetzungen um Homosexualität seinen Tiefpunkt hatte: Nur noch 26 Mitgliedskirchen trugen das neue ökumenische Gebilde. In der Folgezeit wendete sich allerdings das Blatt, weil der Bund das Thema Gemeinschaft nicht nur lehrte, sondern praktizierte und weil er sich stärker theologisch akzentuierte.

So verband man in den letzten Jahren mit dem RÖR dann eher (eine „konservative“) Theologie und mit dem RWB eher (eine „progressive“) Sozialethik, vielleicht keine leichten Voraussetzungen, wenn beides zueinander finden soll, aber dann auch spannend, wenn es denn gelingt, dass beides zueinander kommt.

Dass diese beiden Weltbünde nun zueinander gefunden haben, hat sicherlich seinen Grund auch in finanziellen Erwägungen: 25 Mitgliedskirchen des RÖR waren auch Mitglied im RWB, und die ein oder andere hatte zunehmend Mühe, die Doppelmitgliedschaft zu finanzieren. So ergab sich die Notwendigkeit miteinander zu reden, aus der Notwendigkeit wurde Interesse und schließlich – s.o. – das „historische Ereignis“.

Historisch ist allerdings zu nennen, was sich mit der neuen Weltgemeinschaft an theologischer Grundbestimmung verbindet. War zumindest noch der RWB im Verhältnis der Mitgliedskirchen zueinander relativ offen organisiert, so stellt die neue Weltgemeinschaft schon im Namen eine Verpflichtung ins Zentrum: Gemeinschaft, englisch: communion, lateinisch:communio. Und dahinter steht mehr als ökumenisch vielleicht üblicher Euphemismus. In Artikel II, Identität, heißt es in der neuen Verfassung der WGRK: „Im Anschluss an das Erbe der reformierten Bekenntnisse, als eine Gabe zur Erneuerung derganzen Kirche, ist die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen eine Gemeinschaft (communion)von Kirchen, indem sie ...die Gaben der Einheit in Christus durch die gegenseitige Anerkennung der Taufe,Mitgliedschaft, Kanzel- und Altargemeinschaft, des geistlichen Amtes und des Zeugnissesbekennt.“

Das ist neu bei den Reformierten: gegenseitige Anerkennung von Taufe, Kanzel- und Altargemeinschaft, und dann noch von Mitgliedschaft, von Ordnung also, von je eigener Gestalt. Das war neu und war nicht einfach, auch im Blick auf die Vereinigung mit dem RÖR. Bei der letzten Generalversammlung des RWB ging es etwa um die Verpflichtung zum Einsatz für weltweite Gerechtigkeit. Um die Frage, ob denn die neue Weltgemeinschaft genauso sich einsetzen würde für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen und den Kampf gegen Apartheid, wie es der RWB getan hatte. Dass auch diese Generalversammlung schließlich einstimmig der Vereinigung zustimmte, hatte auch mit den Signalen aus dem RÖR zu tun. Sie wurden zum Beispiel durch den Bericht bestätigt, denPeter Borgdorff, der ehemalige Präsident des RÖR, der Vereinigenden Generalversammlung der WGRK erstattete. Ausführlich setzte er sich darin auseinander mit dem Umgang des RÖR mit Rassismusfragen, vor allem mit der Aufnahme der Niederdeutsch-Reformierten Kirche in Südafrika 2005, die 1992 aus dem RWB ausgeschlossen worden war, weil sie Apartheide theologisch legitimiert hatte.Borgdorff wörtlich:„Im Rückblick war es ein Irrtum, eine Kirche aufgrund eines Versprechens, das eigene Verhalten zu ändern, als Mitlied aufnahm – statt auf Grund des Nachweises, dass eine solche Verhaltensänderung auch tatsächlich durchgezogen worden war.“ Die Niederdeutsch-Reformierte Kirche bleibt im übrigen Mitglied der WGRK, denn entsprechende Beschlüsse ihrer Synode werden noch in diesem Jahr erwartet.

Aber communio bleibt schwierig. Im Blick wesentlich auf einige frühere Mitgliedskirchen aus dem RÖR wurde nach intensiver Diskussion festgehalten, dass die neue WGRK „die Ordination von Frauen fördern“ soll, die verpflichtende Anerkennung der Frauenordination wurde gestrichen. Da ging und geht communio – wie so oft – zu Lasten der Frauen.

Und auch als es um die Verpflichtung zur Gerechtigkeit ging, brachen alte Fronten wieder auf, jetzt vor allem zwischen dem Norden, im Besonderen: Europa, und dem Süden. Im Kern war es die Diskussion um den Begriff „Imperium“, der seit der Accra-Erklärung von 2004 eine immer wichtigere Rolle gespielt hatte. Bezeichnet erfür die Kirchen des Südens die Macht, die Globalisierung auf ihre Kosten durchsetzt, und identifizieren sie Imperium relativ eindeutig mit den USA, so lag den europäischen Kirchen immer an einer differenzierenden Sicht, in der Täter und Opfer nicht so simplifizierend im klaren Gegenüber von Nord und Süd zugeordnet werden. Schließlich wurde hier eine Lösung gefunden durch theologische Arbeiten, die dieEv.-reformierte Kirche in Deutschland und die UnitingReformed Church of Southern Africa seit einiger Zeit gemeinsam zu Globalisierung verantwortet hatten (vgl. „Gemeinsam für eine andere Welt“, hg. von der Ev.-reformierten Kirche). Imperium wird hier – im Anschluss an Karl Barth – verstanden als eine „herrenlose Gewalt“, die ein Zusammenballen verschiedener Faktoren und Wirkmächte bezeichnet und so eine differenzierte Sicht ermöglicht – auf die Anteile der anderen am Globalisierungs- und Ungerechtigkeitsprozess und auf die eigenen. „Wir sind Täter und Opfer und unsere Geschwister aus der südlichen Hemisphäre sind Opfer und Täter“, hat Peter Bukowski, der Moderator des Reformierten Bundes, vor einiger Zeit einmal formuliert und damit alle am Prozess der Globalisierung in dieser oder jener Weise Beteiligten aufgefordert, die Eigenanteile nicht aus den Augen zu verlieren. Bukowski, der seit 2004 Exekutivausschussmitglied des RWB war, wird auch im Exekutivausschuss der WGRK vertreten sein, als einer von Vieren aus Europa: Bas Plaisier von der Protestantischen Kirche aus den Niederlanden, der zu einem der Vizepräsidenten, Dr. Gottfried Locher (Schweiz), der zum Schatzmeister gewählt wurde, undCheryl Meban aus Irland. Zum Präsidenten der WGRK wurde Dr. Jerry Pillay gewählt, Pfarrer und Generalsekretär der UnitingPresbyterian Church in Southern Africa.

„Die Vereinigung des Reformierten Weltbundes und des Reformierten Ökumenischen Rates ist ein Fakt.“Die prosaische Meldung über die Vereinigung der Reformierten zur WGRK entspricht im Ton sicher dem, was auf diese neue ökumenische Weltorganisation zukommt: nüchterne Arbeit. Pillay fasste die Aufgaben für die nächsten Jahre in drei Punkte zusammen: Die Gemeinschaft der reformierten Kirchen untereinander stärken, Einigkeit im Glauben finden, wo die Kirchen sich noch unterscheiden, sowie Mission, was im Verständnis der WGRK die Verpflichtung bezeichnet, sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Da bleibt einiges zu tun, nicht nur für reformierte Christinnen und Christen. Zwar hat die Vereinigende Generalversammlung der WGRK auch gezeigt, dass der in Deutschland immer wieder geäußerte Wunsch der engsten Zusammenarbeit zwischen Lutherischem Weltbund und den Reformierten sich wesentlich der mitteleuropäische Wahrnehmung und Perspektive verdankt. In den meisten Kirchen der WGRK – und vermutlich auch des LWBs – ist anderes dran als Erfahrungen der Zusammenarbeit zu reflektieren, die sie selbst kaum machen (können), etwa weil es in ihrem Land nicht dies Nebeneinander bzw. Miteinander von lutherischen, reformierten und unierten Kirchen gibt. Aber was „dran“ ist, verbindet beide Konfessionsfamilien, dem haben sie sich schon gemeinsam gestellt und dem wird sich auch die neue reformierte Weltorganisation in Kooperation mit den anderen in Genf stellen: der Frage nach gelebtem evangelischen Glauben, nach dem Glauben, der communio in allen – leiblichen wie geistlichen – Facetten weltweit lebt.

Jörg Schmidt,
Jahrgang 1949, Pfarrer der Ev. Kirche im Rheinland, amtiert seit 2006 als Generalsekretär des Reformierten Bundes.

Reformierte in Deutschland
Der Reformierte Bund ist die „Dachorganisation“ der knapp zwei Millionen Reformierten in Deutschland. Mitglied sind etwa 360 Gemeinden, 600 Einzelmitglieder und vier reformierte Kirchen: die Ev.-reformierte Kirche, die Lippische Landeskirche (mit einer lutherischen „Klasse“), die Ev.-altreformierte Kirche in Niedersachsen und der Bund Ev.-reformierter Kirchen in Deutschland. Assoziiert sind dem Reformierten Bund einige unierte Landeskirchen, die wie die anderen Mitgliedskirchen im Moderamen (Vorstand) vertreten sind. Vorsitzender (Moderator) des Bundes ist seit 1990 D. Peter Bukowski, Direktor des Seminars für pastorale Ausbildung in Wuppertal.

 

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