50 Jahre Dialog der EKD mit der Russischen Orthodoxen Kirche
In einer Zeit, in der noch die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges spürbar waren, die Problematik der Spätheimkehrer aus russischen Kriegsgefangenschaft auf der Tagesordnung stand und die Politik mit der neuen Ordnung einer Teilung in den kommunistischen und westlichen Machtbereich umgehen musste, begann nach vorbereitenden Gesprächen und Delegationsreisen 1959 ein offizieller bilateraler Dialog zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), die sog. „Arnoldshainer Gespräche“. Diese sollten neben der klar umrissenen theologischen Aufgabe einer Verständigung zwischen beiden Kirchen auch zur Versöhnung zwischen beiden Völkern beitragen. Gleichzeitig markierte der Beginn dieses Dialoges eine grundsätzliche Öffnung der ROK zum ökumenischen Prozess, in den auch ihr Beitritt zum ÖRK 1960 erfolgte. Bis 1990 fanden zwölf Begegnungen statt.
Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) führte seinerseits eine eigene Dialogreihe mit der ROK durch, die sog. „Sagorsker Gespräche“, die 1974 begannen. Bis 1990 fanden sieben Begegnungen statt, die neben den Themen des theologischen Dialoges die besondere Situation der Kirchen in ihrem kommunistisch-sozialistischen Umfeld mit bedachten.
Nach der politischen Wende in Osteuropa wurden beide Dialogzweige 1992 in Bad Urach zu einem gemeinsamen Dialog zusammengelegt, in dem bis 2008 fünf „Bad Uracher Gespräche“ stattfanden.
Die reformatorischen Kirchen hatten in der Zeit ihrer Entstehung die orthodoxen Kirchen als eine Art älterer Schwesterkirche angesehen und Kontakte zum Patriarchat Konstantinopel gesucht, der aber in seinen Anfängen durch gegenseitiges Unverständnis zum Erliegen kam.
Zu sehr waren die Evangelischen von der Auseinandersetzung zwischen ihnen und ihrem katholischen Gegenüber bestimmt gewesen, hatten sich dann auch wohl als eine Art „Besserkirche“ verstanden. Und die Kirchen der Orthodoxie lebte in einer Art anderem Kulturkreis. Zwar gab es im Laufe der Geschichte immer wieder gegenseitige Einflüsse und Faszinationen von theologischer und theologisch geprägter Literatur, aber offizielle Gespräche hatte es nie gegeben. So steht anders als im evangelisch-katholischen Gespräch nicht eine theologische und historische Konfliktgeschichte zur Bewältigung an, sondern eher die Aufarbeitung einer gegenseitigen Fremdheitsgeschichte, die übrigens nie zu gegenseitigen Lehrverurteilungen oder Verdammnissen geführt hat.
Der Dialog verzeichnet eigentlich bemerkenswerte theologische Resultate. Es kam auf den theologischen Themenfeldern „Schrift und Tradition“, „Taufe und neues Leben“, „Eucharistie und Opfer“, „Rechtfertigung und Glaube“, „Heiligung und die Heiligen“, „Kirche und Geistliches Amt“, aber auch „Christliche Werte und säkulare Gesellschaft“ zu Beschreibungen einer gemeinsamen Nähe, die angesichts der Jahrhunderte langen Entfremdungen so nicht zu erwarten waren. Leider wurden die theologischen Resultate wenig rezipiert und oft auch nur schleppend veröffentlicht.
Der bewährte Dialog zwischen EKD und ROK erwies sich auch als Vertrauen bildend, als nach 2000 auf der Ebene des ÖRK in kritische Auseinandersetzungen zwischen den orthodoxen und den anderen Mitgliedskirchen geriet.
Auch gehört es zum Erfolg dieser Dialoge, dass es ein Forum gab, auf dem die Kirchen unabhängig von machtpolitischen Konstellationen der Frage von Schuld und Vergebung zwischen beiden Völkern nachgehen konnten und Gottesdienst und symbolische Handlungen, so zur Feier des fünfzigjährigen Ende der Zweiten Weltkrieges, durchführen konnten. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang ein Schuldbekenntnis, das der verstorbene Patriarch Aleksij II. bei seinem Deutschlandbesuch 1995 im Berliner Dom in Anlehnung an das Stuttgarter Schuldbekenntnis sprach, in dem er das Unrecht beklagte, das in kommunistischen Zeiten von russischer Seite Deutschland zugefügt wurde.
Es wäre sehr zu bedauern, wenn dieser Dialog auf Grund persönlicher oder kirchenpolitischer Verstimmungen gerade in den Zeiten seines fünfzigjährigen Bestehens Schaden nehmen würde.
Prof. Reinhard Thöle D.D.
Konfessionskundliches Institut | Referent für OstkirchenkundeBerater der Dialoge zwischen der EKD und den orthodoxen Kirchen

