Regen und Blütenträume – Der 2. Ökumenische Kirchentag im Rückblick
Die Atmosphäre des 2. Ökumenischen Kirchentages war unter freiem Himmel nasskalt, in der U-Bahn aber warm und kuschelig. Auf der einen Seite spülte der Regen die Probleme des ökumenischen Miteinanders deutlich frei, auf der anderen Seite rückten die Menschen dicht zusammen, um gemeinsam die Veranstaltungsorte des Kirchentages zu erreichen. Das Wetter steht demnach sinnbildlich für die gegenwärtige Ökumene in Deutschland. Scheinbar aussichtslos scheinen die dogmatischen Probleme zu sein, die die Kirchen trennen, aber die Kirchenglieder sind schon eng beieinander. Dem Pessimismus, dem einige Ökumeniker in diesen Tagen zu erliegen drohen, weil vielleicht „nicht alle Blütenträume reiften“(Goethe), sollte deshalb kein Raum gegeben werden.
Bedenkt man angesichts des fröhlichen Miteinanders der Menschen die Aufgabe der Kirchen, so stellt sich die Frage, ob die Kirchen gegenwärtig ihrer Daseinsberechtigung entsprechen. Ist es nicht nach dem Missionsbefehl des Matthäusevangeliums die Aufgabe der Kirche, das Zeugnis von Christus in die Welt zu tragen?
Ist es nicht nach Lumen Gentium 5 die Aufgabe der Kirche, das Reich Christi auf Erden anzusagen und es damit schon im Keim zu verwirklichen?
Ist es nicht nach der Confessio Augustana 7 Aufgabe der Kirche, das Evangelium rein zu predigen und die Sakramente dem Evangelium gemäß zu reichen?
Bejaht man diese Fragen, dann ist unverständlich, warum die gegenseitige Einladung zur Teilnahme am Gottesdienst mit der Feier des Herrenmahls immer noch als kaum denkbar angesehen wird. Sind die Kirchen in dieser Frage nicht das eigentliche Problem? Werden Sie hier ihrer Aufgabe gerecht?
Dieses offensichtlich für die Menschen wichtigste ökumenische Problem erscheint als Ironie der Geschichte. Ist das Herrenmahl doch bereits bei Jesus selbst ein Zeichen der Integration von Außenstehenden, eine zeichenhafte Handlung, die die Aufnahme in eine neue Gemeinschaft bedeutet. Religionswissenschaftlich gesprochen wird der zentrale Integrationsritus des frühen Christentums gegenwärtig konterkariert. Indem er das Herrenmahl als Endpunkt der ökumenischen Einigung angesehen wird, kann von Integration keine Rede mehr sein. Das Herrenmahl wird in Gestalt der Eucharistie zu einem exkludierenden Ritus. Wäre es nicht sinnvoller, das Herrenmahl als Sakrament an den Anfang eines gemeinsamen Weges zu stellen?
Steht nicht auch die Taufe in der Regel am Anfang des Lebensweges?
Steht nicht auch das Eheversprechen als Sakrament am Anfang des Ehelebens?
Wenn Christus derjenige ist, der zum Mahl einlädt, warum sollen sich dann nicht auch Kirchen auf einen gemeinsamen Weg einladen lassen, die (vielleicht bleibende) dogmatische Differenzen aufweisen?
Dass dieses Problem zentral ist, dürfte auf dem Kirchentag die trotz des widrigen Wetters gut besuchte Feier der Artoklasie gezeigt haben. Ist diese Feier lediglich als der dritte Weg zu sehen, der es Protestanten und Katholiken ermöglicht unter dem Dach der fremden Schwester Orthodoxie Zuflucht vor dem Regen zu finden? Angesichts der Fremdheit orthodoxer Riten dürfte kein Teilnehmer die Artoklasie mit einer Abendmahlsfeier verwechselt haben. Von daher löst die Artoklasie nicht das Bedürfnis nach der gemeinsamen Feier des Abendmahls, erlaubt aber das Erleben des gemeinsamen Mahls. Die Funktion eines Integrationsritus ist damit also durchaus gegeben. Man fragt sich nur, ob man mit der Feier von Artoklasie oder auch Agape-Feier den eigentlichen Problemen nicht ausweicht?
Angesichts der großen Herausforderung des 21. Jahrhunderts kann die ökumenischen Annährung der Kirchen nicht zu einem Stillstand kommen. Der Nebel der Säkularisierung dürfte hierbei eine der Gefahren sein. Das schlichte Unwissen darüber, was überhaupt evangelisch und katholisch ist, könnte eine Textzeile des Kirchentaglieds der Wise Guys, bald zur Realität werden lassen. Dann hat es aber nichts mit Hoffnung zu tun, dass „evangelisch und katholisch irgendwann kein Unterschied mehr ist“. Die zweite große Herausforderung steht uns mit dem interreligiösen Dialog ins Haus. Auch hier gilt zwar, dass es „das Christentum“ nicht mit einer Stimme sprechen muss (genauso wenig wie es „der Islam“ tut), aber trotzdem wäre es hilfreich, wenn die konfessionellen Differenzen nicht verdecken könnten, dass es eine Kirche Jesu Christi gibt, die in den Dialog eintritt.
Insgesamt lässt sich ein positives Fazit ziehen. Viele Menschen haben immer noch ihre ökumenischen Blütenträume bewahrt und sind gekommen, um diese mit anderen Menschen zu hegen und sich daran zu erfreuen. Von diesen Träumen geht ein Impuls zur Ökumene aus, den der Regen nicht wegspülen kann:
„Denn gleichwie der Regen ... vom Himmel fällt und ... die Erde fruchtbar macht ..., so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jes 55,10f)


