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16. August 2010
 

Fortschritt und Rückschritt

Ein Friedensbild von Mennoniten aus Uruguay. Quelle: www.mennoniten.de

Fortschritt und Rückschritt: Versöhnung zwischen Lutheranern und Mennoniten bleibt hinter deutschem Dialogergebnis zurück

 

Die Versöhnung zwischen Lutheranern und Mennoniten war unbestritten der Höhepunkt der am 27. Juli in Stuttgart zu Ende gegangenen 11. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB). Die 418 Delegierten aus 79 Ländern würdigten die umfangreichen Arbeiten der Internationalen lutherisch-mennonitischen Studienkommission, die am 22. Juli unter dem Titel „Heilung der Erinnerungen – Versöhnung in Christus“ in Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch vorgelegt wurde. Zwischen 2005 und 2008 war ein gemeinsames Verständnis dieser von Verfolgung, Verachtung und Vorurteilen geprägten Geschichte erarbeitet worden, die Verwerfungen der täuferischen Theologie in den lutherischen Bekenntnisschriften (Taufe, Verhältnis Staat-Kirche, Militärdienst, Eid u.a.) wurden auf ihre heutige Aussagekraft hin geprüft und es wurde nach Wegen eines weiteren Versöhnungsprozesses gesucht. Das Dialogergebnis wurde bereits 2009 sowohl von der Versammlung der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK)und vom Rat des LWB gebilligt und so war der Weg zu einem Schuldbekenntnis bei der LBW-Vollversammlung frei. Dieses fand im Beisein zahlreicher Gäste aus fast allen christlichen Konfessionsfamilien in einem eindrucksvollen und symbolträchtigen Versöhnungsakt und in einem anschließenden ökumenischen Bußgottesdienst statt. Mit der einstimmig angenommen Beschlussfassung verpflichteten sich die 145 Mitgliedskirchen des LWB u.a, dazu, „die lutherischen Bekenntnisschriften im Licht der der gemeinsam beschrieben Geschichte von Lutheranern und Mennoniten zu interpretieren“, dies auch im akademischen und kirchlichen Unterricht umzusetzen und „die Untersuchung von bisher ungelösten Fragen“ (Taufe, Verhältnis von Christen und Kirche zum Staat) „im Geist wechselseitiger Offenheit und Lernbereitschaft fortzuführen“. Die Schuldbekenntnisse und Zeugnisse im Gottesdienst führten die Tragik vor Augen, wie Luther und Melanchthon die Hinrichtung von Täufern theologisch gerechtfertigt haben. Von mennonitischer Seite wurde Selbstgerechtigkeit und Arroganz reklamiert und bekannt, dass auch die Gemeinschaften der täuferischen Tradition „der Heilung und Vergebung bedürfen“.

 

Auch wenn mit dem mennonitischen Ökumeniker Fernando Enns die Frage gestellt werden muss, warum der LBW erst im 21. Jahrhundert sich zu dieser großen Schuldgeschichte bekennen konnte, so ist dieser Versöhnungsschritt auf Weltebene ein wichtiges Zeichen für die weiter positive Entwicklung der innerprotestantischen Ökumene. Trotzdem darf nicht verschwiegen werden, dass dieser Dialog hinter den Gesprächsergebnissen zurückbleibt, die zwischen 1989 und 1992 in Deutschland zwischen der Vereinigten-Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland(AMG)geführt wurden. Hierauf hatte auch in Stuttgart der lutherische Oberkirchenrat Michael Martin hingewiesen. Damals konnte 1996 nach der Rezeption in allen deutschen Landeskirchen und Gemeinden der AMG in zwei Gottesdiensten nicht nur ein gegenseitiges Schuldbekenntnis ausgesprochen werden. Es wurde ausdrücklich eine gegenseitige eucharistische Gastbereitschaft ausgesprochen und es wurde festgestellt, dass die Verwerfungen des Augsburgischen Bekenntnisses von 1530 die heutigen Mennoniten nicht mehr treffen.

 

So bleibt zu hoffen, dass nach Abschluss der beabsichtigten Fortführung des Dialogs von LWB und MWK (zum Thema „Taufe“) bald auch weltweit weitere Versöhnungsschritte gegangen werden können.

 

Pfarrer Dr. Walter Fleischmann-Bisten ist Leiter des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim

 

 

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