Schule ist keine Folterkammer
Schule ist keine Folterkammer
Mehr Gleichheit und Chancengerechtigkeit durch Bildung
Ein Beitrag in der Zeitschrift
Evangelische Orientierung 2010|1.
Das Jahr 2009 hatte in mehrfacher Hinsicht das Potenzial dazu, als Jahr des Wandels zu mehr Gleichheit hin in die Geschichtsbücher einzugehen. Mit dem Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama wurde eine symbolische Zäsur vollzogen. Zeitgleich vollzog sich ein fundamentaler Systemwandel im wirtschaftlichen Handeln der Weltgesellschaft. Waren die vergangenen zwanzig Jahre seit Ende des Kalten Krieges davon bestimmt, dass das angelsächsische System der Deregulierung und Abkopplung des Wirtschaftshandelns von Politik und Kultur prägend wurde, so scheint auch international das deutsche und europäische Modell eines Sozialstaates, der diesen Namen verdient, in den Blickpunkt zu rücken. Chancengleichheit und sozialpolitische Grundausstattung gewinnen – ausgelöst durch die Krise – zunehmend an Plausibilität. Schließlich wurde durch die neuen internationalen Bildungsstudien in Folge von PISA deutlich, dass eine Gesellschaft gut beraten ist, gerade auf die Anfänge einer Bildungsbiographie in Kindergärten und Grundschulen im Sinne von annähernd gleichen Grundbedingungen für alle Kinder großen Wert zu legen. Hier findet sich Deutschland regelmäßig nicht auf den ersten Plätzen wieder, sondern es wird sichtbar, dass durch mangelnden Spracherwerb und das veraltete dreigliedrige Schulsystem etwa ein Fünftel der Jugendlichen empfindlich in ihren Startchancen beeinträchtigt werden. Über die Wege, wie man den entstandenen Ungleichheiten besser begegnen kann, wird heftig gestritten. Und das ist gut so: Gilt es doch, für das deutsche und europäische Lebensmodell Wege zu finden, wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität in ein gutes, ausgewogenes Miteinander kommen.
Im Ringen um eine bestmögliche, gerechte Gesellschaftsordnung war es um den deutschen Protestantismus im vergangenen Jahr eigentümlich still geworden. Mochten die 1970er Jahre zuweilen eine übergriffig politisierte Kirche haben, so schwingt das Pendel in den vergangenen zehn Jahren deutlich zur anderen Seite aus. In kaum einer Predigt des theologischen Nachwuchses sind prophetische Kritik oder politische Implikationen enthalten. Das eigentümliche Schweigen vieler Kirchen in Bezug auf die Abschaffung des Buß- und Bettages aus wirtschaftlichen Motiven verwunderte. Das leitende Paradigma der Ökonomisie rung aller Lebensbereiche – inklusive Kirche und verfasster Diakonie – wurde teils zustimmend, teils schicksalsergeben hingenommen. Dies schließt nicht aus, sondern ein, dass einige erkennbare Persönlichkeiten und Gremien dennoch den Kurs einer erkennbaren, ethisch klaren evangelischen Kirche hielten.
Wenn Kirche und Diakonie dazu beitragen sollen, Wege aus der Ungleichheit aufzuzeigen, müssen sie sich zunächst einmal an die eigene Nase fassen. Wie gelingt es, die eigene sozialethische Kompetenz so zu verstärken, dass daraus eigenständige Beiträge im gesellschaftlichen Diskurs erkennbar werden? Dies betrifft die Aus- und Fortbildung an Universitäten, Fachhochschulen und Seminaren genauso wie den Diskurs am dritten Ort der Evangelischen Akademien, die ursprünglich eigens zu diesem Zweck gegründet wurden. Aus der vertieften sozialethischen Reflexion heraus entspringt ein entsprechendes kirchen- und gemeindeleitendes Handeln. Folge ich dabei dem Gleichheitsmotiv bei allen persönlichen Ungleichheiten, so geht es um das Bestreben, möglichst vielen Menschen, die vor Gott allesamt gleich geachtet und geschätzt sind, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und gute Chancen für ihre Lebensführung zu eröffnen.
Dies gilt in alter protestantischer Tradition zunächst einmal für das Bildungshandeln der Kirche. Wenn Martin Luther besondere Bemühungen auf die Gründung christlicher Schulen verwandte, wenn zum Beispiel in der nassauischen Tradition eines Johannes Althusius schon früh auf Volkssouveränität und Elementarbildung für alle Stände und beide Geschlechter Wert gelegt wurde, dann weist dies im Sinne von Gleichheit und Chancengerechtigkeit in die richtige Richtung. In den Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft müssen alle Kinder unabhängig von ihrem Stand, ihrer Herkunft, auch ihrer Religion so gefördert werden, dass sie mit Eintritt in die Grundschule auf einem annähernd gleichen Ausbildungsstand sind. Dies gilt insbesondere für den Spracherwerb von Kindern mit Migrationshintergrund.
Im schulischen Bereich gilt es noch viel stärker als bisher, Modelle alternativen Lernens zu erproben. Schule ist keine Folterkammer, sondern soll Freude am Lernen vermitteln. Leider haben sich viele Kirchen in den 1960er Jahren aus diesem Bereich nahezu verabschiedet. Das Gegenteil tut not. In jedem Landkreis, in jeder Stadt dieser Republik braucht es Schulen in freier und kirchlicher Trägerschaft, die zeigen, wie sich christlich verantwortetes Bildungshandeln darstellt. Dies setzt voraus, dass die Öffentliche Hand diese Formen in ihrer Refinanzierung nicht schlechter stellt als die eigenen Schulen. Das Paradigma einer möglichst frühzeitigen Selektion ist dabei konsequent abzulehnen. Modellschulen, wie etwa die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden haben erwiesen, dass auch begabungsstarke Schüler gewinnen, wenn sie begabungsschwache Schüler auf ihrem Weg mitnehmen. Um dem Fünf tel der Bevölkerung, das aus anregungsarmen Elternhäusern kommt, den Start zu ermöglichen, werden diese nach skandinavischem Vorbild in Zukunft einfach mitgenommen und nicht ausgesondert. Dieses konzentrierte Bildungshandeln der Kirche beschränkt sich dabei nicht auf die verfasste Kirche, sondern kann durchaus auch Teil diakonischen Handelns sein. So bietet zum Beispiel der Campus Klarenthal Wiesbaden ein wegweisendes Schulkonzept naturnahen Lernens in einer Gemeinschaftsschule unter der diakonischen Trägerschaft des Vereins für Innere Mission (EVIM) an.
Neben diesen Bildungsanstrengungen der Kirche steht im Einsatz um Gleichbehandlung natürlich ebenso das im engeren Sinne diakonische Handeln. Der führende Verfassungsrechtler und frühere Bundespräsident Roman Herzog hat dies im „Evangelischen Staatslexikon“ so beschrieben: „Moderne Gesellschaftspolitik ist im Grunde genommen nichts anderes als der Ausbau dieser ‚Mindestausstattung für jedermann‘ und im Übrigen die Herstellung einer möglichst überzeugenden Chancengleichheit.“ Dem verschreibt sich die Diakonie der Kirche in ihrem eigenen Tun genauso wie in deutlich erkennbaren, öffentlichen Stellungnahmen, die die Finger in die Wunden der Gesellschaft legen. Wenn es stimmt, dass in jeder Krise auch eine Chance liegt, so könnte die jetzige Wirtschafts- und Finanzkrise der Beginn einer neuen Denk-und Handlungsrichtung sein. Neben der Freiheit des Einzelnen kommen die Ideale einer Gesellschaft in den Blick, die gleichermaßen auf Gleichheit und Solidarität achtet. Kein schlechtes Vorzeichen für das Melanchthon-Jahr 2010!
Sigurd Rink




